Am Wochenende war es wieder soweit: Schlagermove in Hamburg. Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass in den Sommermonaten ohnehin fast jedes Wochenende eine Spaß- oder Sport-Karawane durch die Stadt zieht. Da sind die Marathonläufer und die Triathleten, der Schwarm der Radler bei den Cyclassics, die Biker-Horde bei den Harley Days. Hafengeburtstag, Welt Astra Tag, Alstervergnügen, Frühlings- und Sommerdom, Grand Prix der Eurovisions-Wochenende und die gefühlten allwöchentlichen Besuche der Queen Mary & Co.

Hamburg-Bezug? Bei vielen dieser Events Fehlanzeige. Kulturell bildend oder identitätsstiftend? Alles andere als das. Man würde sich als Bürger dieser Stadt auch etwas weniger ärgern, wenn im gleichen Maße Genehmigungen und finanzielle Mittel für inhaltlich wertvolle sowie den Intellekt erhellende Institutionen und Veranstaltungen erteilt würden. Es ist zum Weinen, wenn man sich überlegt wie schwer man sich hier tut eine mittelgroße Konzerthalle zu finden, während quasi in null Komma nix ein weiteres Musicaltheater gebaut wird. Es ist bitter, dass man hier stolz darauf ist, wenn sich Hunderttausende Touristen am Wochenende ihren Verstand wegsaufen, überall hinpissen und anderer Leute Hauseingänge vollkotzen. Sie hinterlassen im wahrsten Sinne des Wortes einen Scherbenhaufen, gegen den nicht nur die Stadtreinigung in Sisyphusarbeit angehen muss.

Es kann nicht sein, dass man sich sogar als Bewohner von St. Pauli – wo man ja wirklich einiges gewohnt ist und jedes Wochenende aufs Neue die Toleranzbrille aufsetzt – ernsthaft überlegt, an welchen Tagen man sein Viertel verlässt, weil wieder ein Feier-Mob im Anmarsch ist. Wie gesagt, man muss hier ohnehin schon den ganz normalen Party-Wahnsinn aushalten, was auch soweit okay ist, aber alles was noch on top dazu kommt, lässt sich kaum noch kompensieren.

Diese Flutwelle des schlechten Geschmacks und des fehlenden Anstands, die sich ohne Rücksicht auf Einheimische über die Straßen schiebt und ähnlich viel Müll und übelriechendes hinterlässt wie die letzte Jahrhundertflut in manchen Teilen Süddeutschlands. Es geht auch nicht darum, ob man lieber Schlager oder Indie-Rock hört, in Musicals oder auf Lesungen geht. Ob etwas bessere oder schlechtere Unterhaltung ist. Es geht um die Menschen, die man damit anlockt und die in der Masse unerträglich sind.

Hamburg verkommt immer mehr zu einer Eventstadt, einem Ballermann des Nordens. Es hat einen Grund, dass hier der Karneval keine Tradition hat, da muss man ihn nicht in Form eines Schlagermoves extra einladen. So viel „bad taste“ hält man einfach nicht aus. Er ist eine Qual für Augen, Ohren und Nase. Wie sagte jemand so schön: „New Orleans hat den Mardi Gras. Wir haben nur den Schlagermove.“ Dafür gibt es in Hamburg keinen Hurrikane. Obwohl – am Wochenende hätte man sich einen gewünscht.

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