Dass die Reeperbahn manchmal zum Zoo mutiert, ist nichts wirklich Neues. Allerdings ist es schon ziemlich befremdlich, sich als langjähriger Kiezgänger plötzlich und unvorbereitet im Käfig wiederzufinden. So kann es einem ergehen, wenn man sich zu einem Konzert in die Meanie-Bar begibt. Die muss häufig dann als Bühne herhalten, wenn das wahrlich nicht riesige Molotow im Keller zu groß für die zu erwartende Zuschauermenge ist. Richtig, es geht um Club-Gigs mit einem ganz erlesenen Publikum, 20 bis 30 Leute, kaum mehr Menschen als auf der winzigen Bühne stehen.

Nun befindet sich diese Bühne direkt vor der großen Fensterfront und kann von der Straße aus gut eingesehen werden. Die plärrigen kleinen Außenlautsprecher der Meanie-Bar lassen auch den unaufmerksamsten Flanierenden aufhorchen und innehalten. Derweil steht man drinnen mit einem Bier in der Hand, wippt mit dem Knie mit und lauscht einem Gitarristen und einem Schlagzeuger. Die beiden sind ganz offensichtlich von den Black Keys inspiriert worden und bringen diese Huldigung durchaus anständig über die Bühne. Das wahre Spektakel spielt sich aber hinter ihnen ab. Da drücken sich die Musical-Besucher an der Scheibe die Nase platt. Oder die Dom-Besucher. Oder die Kreuzfahrtgäste auf Landgang. Oft minutenlang.

Die Zaungäste werden schnell lästig

Das ist eine Weile ganz amüsant, aber irgendwie denkt man sich: Kommt rein oder geht weiter. Nein, geht am besten einfach weiter, denn wenn ihr reinkommt, drängelt ihr euch rein, stellt fest, dass es doch verdammt laut ist und drängelt euch wieder raus. Oder ihr diskutiert mit dem Mädchen am Einlass, warum es Eintritt kostet.

Es ist auch weniger die Tatsache, dass diese Menschen glotzen, die stört. Viel lästiger ist die Art, wie sie glotzen. Eigentlich müssten sie alle mit offenem Mund dastehen, aber irgendwie schaffen sie es dann doch, den geschlossen zu halten. Obwohl sich ihnen doch tatsächlich dieses unfassbare Ereignis darbietet, dass ein paar Leute in einer Bar stehen und sich eine Band ansehen. Aber das scheint alles zum großen Abenteuer St. Pauli zu gehören. Da gibt es nicht nur Nutten und Penner, sondern auch Leute, die am Tresen rumhängen und schräge Rockmusik hören. Also ist der Blick durch die Molotow-Scheibe der Blick auf ein weiteres Exponat.

In London hingen die Punks in der Carnaby Street rum, weil sie gesehen werden wollten. Angegafft zu werden war der halbe Spaß. Die Leute in der Meanie-Bar wollen nur ein Bier trinken und eine Live-Band sehen. Und weder die Musiker noch das Publikum sehen, ehrlich gesagt, spektakulär aus. Es gibt also nichts zu glotzen.

Die zweite Band an diesem Abend zog übrigens als erstes den Vorhang zu.

Fotonachweis: Screenshot der Webseite www.molotowclub.com