Im Moment macht der April, was er will, besonders das Wetter spielt ja verrückt. Doch nur noch zwei Wochen und es folgt der Tanz in den Mai. Das ist in Hamburg ja immer etwas heikel! 😉

Ein entzündetes Auto Flickr/Marco_Broscheit

Habt ihr euch schon etwas für den 1. Mai vorgenommen? Ich kenne dieses Fest vom Dorf nur so, dass ein Lagerfeuer auf einer großen Wiese prasselt und alle Menschen aus den Dörfern gespült werden, um sich bei einigen Bierchen nett über die schlimme Dorfjugend zu unterhalten. Sehr friedfertig, also. Zumindest mehr oder weniger 😉 .

In Hamburg, der Stadt des Hafens, ist das, logischerweise, etwas anders. Hier gibt es Jahr für Jahr die berühmten „Maikrawalle“. Ich höre es schon jetzt aus allen Straßen wispern: „Und, gehst du zu den Maikrawallen?“ Diese sind im Grunde inoffizielle „Feste“, bei denen Aktivisten und Punks gemeinsam randalieren, um den Nazis einen Denkzettel zu verpassen und der Stadtpolitik eins reinzuwürgen. Es werden Autos angezündet, Feuer in Blechtonnen entzündet und wie in einem Endzeitkatastrophenschinken die Scheiben von Supermärkten eingeschlagen.

„Alle Jahre wieder“ kommen also die Maikrawalle. Jedes Jahr wieder ist die Polizei bemüht, den übertriebenen Aktivismus in Grenzen zu halten und wird im Grunde genommen von allen Seiten gehasst: von den Punks genauso wie von großen Teilen der Zivilbevölkerung, die konform mit der Meinung gehen, dass die überdeutliche Präsenz der Polizisten ja eigentlich die Krawalle überhaupt erst provozieren.

In manchen Jahren erinnern diese Aufstände an einen regelrechten Bürgerkrieg, der in den Straßen des Schanzenviertels entflammt und nur mit großem Aufwand wieder gelöscht werden kann. Randalierer freuen sich, dass sie endlich einmal dem spießigen Kapitalistenschwein eins auswischen können, indem sie sein Auto von Flammen zerstückeln lassen, während sie nicht wissen, dass am nächsten Tag ein armer Student vor dem Wrack seines heißgeliebten und wirklich sehr schwer finanzierten Autochen steht und nicht weiß, wie es für ihn weiter gehen soll. Bei den Maikrawallen werden etliche in Verzweiflung getrieben – Ladenbesitzer, Schanzenbewohner und Polizisten. Besonders die Polizisten sind die ärmsten Tore, werden von allen Seiten gehasst und wenn einer von diesen „Säcken“ einen Stein so an den Kopf kriegt, dass aus einer großen Platzwunde das Blut heraus schießt, dann wird sogar noch Beifall geklatscht.

Andererseits geht es hier um etwas Wichtiges, etwas Großes: Der 1. Mai ist der Tag, an dem die Arbeiter um ihr Recht kämpften, um ihr in der Verfassung festgehaltenes Menschenrecht. Es ist der Tag der Schwachen, die sich endlich gegen die Ausbeuter auflehnen, das Böse bekämpfen und als Sieger aus einem schweren Kampf hervor gehen. Es ist der Tag der Gerechten. Es ist nicht nur ein gottverdammter Krawall, es ist eine Chance, ein Schlachtruf, ein Kampf um Freiheit.

Und dann ist da noch der spießige CDU-Wähler. Dieser elende Sack, der mit seiner glänzenden Karre vorfährt, seine fertig gerauchte Zigarre auf den Asphalt spuckt und mit verächtlich hochgezogener Augenbraue ein demütigendes Wort schnaubt. Der CDU-Wähler, der im Laufe seines Lebens hart gekämpft und seine Eltern im Krieg verloren hat. Der CDU-Wähler, der seine Mitarbeiter immer gut behandelt und ihnen ein großes Gehalt gezahlt hat. Er ist immer fleißig gewesen, hat aus jeder Not eine Tugend gemacht und dieses Land mit seinen bloßen Händen wieder aufzubauen geholfen.

Die Maikrawalle sind also nicht irgendein Fest. Sie sind Stürme der Gesellschaft, die an diesem Tag in alle Himmelsrichtungen explodieren. Hier kochen Konflikte auf und über, die der Topf der Gesellschaft beinhaltet. Im Grunde genommen sind die Maikrawalle nur sekundär politisch, sondern primär etwas sehr intimes, persönliches und ungeheuer subjektives. Wer sich bisher nie für Politik interessierte, wird hier vielleicht zum ersten Mal begreifen, was Politik eigentlich wirklich ist: wir selbst.

Einen schon älteren Artikel über die Maikrawalle findet ihr hier.