Zwischen 1925 und 1930 stampfte er 15.000 Wohnungen aus dem Boden: Ernst May (1886-1970), Architekt und seinerzeit Siedlungsdezernent in Frankfurt am Main, hatte erkannt, dass die Großstadt ein Gegengewicht zu „Hast und Lärm“ brauchte; etwas anderes als „Fabrikschlote und Stadtenge“: In der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ sprach er 1926 von seiner Vision, von „Luft und Sonne“, sowie „Garten und Natur“.

Durch rationalisierte Bauweise und dem Schwerpunkt auf Funktionalität gelang das umfangreichste Bauprogramm der Weimarer Republik, das international Maßstäbe setzte. Neu war dabei die Zeilenbauweise und die Arbeit mit vorgefertigten Bauteilen, die den Bau so vieler Wohnungen innerhalb so kurzer Zeit erst ermöglichten. Das Bauen in Serie – heute selbstverständlich – wurde in dieser Zeit geboren.

Unter dem Titel „Das Neue Frankfurt“ beteiligten sich  bedeutende zeitgenössische Architekten, so auch Martin Elsaesser, Walter Gropius, Ferdinand Kramer, Leberecht Migge und Mart Stam an dem Projekt. Auch die Großmutter der heutigen Einbauküche, die so genannte „Frankfurter Küche“ wurde im Rahmen dieses Projekts von Margarete Schütte-Lihotzky entwickelt. Sie steht beispielhaft für das Gesamtprojekt, bei dem niedrige Kosten und größtmögliche Funktionalität auf kleinstem Raum im Vordergrund standen. Als Vorbild diente ihr ein Speisewagen. Eins der wenigen übrig gebliebenen Exemplare der Zeit steht heute noch im Musterhaus der Ernst-May-Gesellschaft e.V. und kann dort besichtigt werden.

Neben dem ästhetischen Anspruch stand auch ein sozialer hinter dem Projekt: Frankfurt brauchte dringend erschwingliche Wohnungen, und so entstanden die Siedlungen Römerstadt, Westhausen in Praunheim, Höhenblick am Ginnheimer Hang und Bruchfeldstraße in Niederrad, sowie die Siedlung Am Bornheimer Hang und die Hellerhofsiedlung im Gallus.
Die Weltwirtschaftskrise 1929 bereitete dem Projekt ein frühzeitiges Ende; May nahm einen Auftrag in der Sowjetunion an, auf den ihn viele der beteiligten Architekten begleiteten. Die Nationalsozialisten, die ab 1933 die Macht übernahmen, lehnten den neuen Baustil ab. May emigrierte nach Kenia und kehrte erst nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück, wo er sich dann am Wiederaufbau beteiligte. Er starb 1970 in Hamburg.

Das Ernst-May-Haus in der Römerstadt, ein zweistöckiges Reihenhaus, dokumentiert heute Leben und Werk des Architekten. Neben einer originalen Frankfurter Küche wurden hier von der Ernst-May-Gesellschaft auch ein Nutz- und Ziergarten denkmalgerecht rekonstruiert.

Weitere Informationen finden Sie hier:
Ernst-May-Haus
Im Burgfeld 136

Dienstag-Donnerstag von 10 bis 16 Uhr
Führungen jeden 1. Samstag im Monat 15h-18h
Eintrittspreis 2 €, ermäßigt 1 €;
Führungen für Gruppen auf Anfrage unter post@ernst-may-gesellschaft.de oder Tel.: 069-15343883